Kunst als Geldanlage: Wann sich Passion Investments lohnen

24. Juni 2026

Lesezeit: ca. 11 Minuten

Das Wichtigste in Kürze: Kunst kann als Geldanlage funktionieren, aber selten als reine Renditeanlage. Realistisch sind im Top-Segment nach allen Kosten etwa 3 bis 6 Prozent pro Jahr. Transaktionskosten, Illiquidität und laufende Kosten von 1 bis 2 Prozent jährlich zehren viel davon auf. Sinnvoll ist Kunst als Kapitalanlage vor allem für Sammler mit langem Horizont (zehn Jahre und mehr), als Beimischung von 1 bis 5 Prozent des Vermögens und mit unabhängiger Beratung beim Kauf.

Wer «Kunst als Geldanlage» googelt, landet entweder im Marketingtext einer Galerie, der die Sensationsauktionen feiert, oder in einem kritischen Artikel, der das Ganze für Spekulation hält. Beide Lager haben teilweise recht. Was in dieser Diskussion fehlt, ist die nüchterne Sicht eines Praktikers, der seit Jahrzehnten beide Seiten sieht: die echten Wertentwicklungen und die unrealistischen Erwartungen.

Dieser Beitrag liefert genau diese Sicht. Er sagt, wann Kunst tatsächlich Teil einer Vermögensstrategie sein kann, wann sie es nicht ist, welche Renditen Sie realistisch erwarten dürfen und welche Kosten in den seriösen Diskussionen oft fehlen.

Was «Kunst als Geldanlage» eigentlich meint

Bevor sich das Für und Wider sinnvoll diskutieren lässt, lohnt sich eine begriffliche Klärung. In den meisten Texten wird «Kunst als Geldanlage» als ein einziges Konzept behandelt. Tatsächlich vermischt der Begriff drei sehr unterschiedliche Strategien:

Spekulation auf Wertsteigerung. Sie kaufen ein Werk in der Hoffnung, es später teurer zu verkaufen. Das ist klassische Spekulation und folgt den Risikomustern jeder Spekulation.

Diversifikation des Vermögens. Sie ergänzen ein bestehendes Portfolio um eine Anlageklasse, die wenig mit Aktien und Anleihen korreliert. Das ist Portfoliotheorie und folgt anderen Regeln.

Inflations- und Substanzschutz. Sie legen Vermögen in einer Sachform an, die nicht von Geldwertschwankungen direkt betroffen ist. Das ist Substanzanlage und folgt wieder einer eigenen Logik.

Jede dieser drei Strategien funktioniert unterschiedlich gut. Die meisten Diskussionen vermischen alle drei und kommen damit zu wenig brauchbaren Schlussfolgerungen. Wenn Sie wissen, welche Strategie Sie eigentlich verfolgen, haben Sie die halbe Frage schon beantwortet.

Was ehrlich dafür spricht

Vier Argumente sprechen für Kunst als Vermögenskomponente, und sie halten der Prüfung stand:

Geringe Korrelation zu Aktien und Anleihen. Über lange Zeiträume bewegt sich der Kunstmarkt nicht synchron mit den Finanzmärkten. Marktstudien wie der Art Basel und UBS Global Art Market Report zeigen eine Korrelation im Bereich von 0,2 bis 0,3 zum globalen Aktienmarkt. Das ist ein realer Diversifikationseffekt.

Inflationsschutz im Top-Segment. Werke etablierter Künstler in der ersten Reihe haben über die letzten 50 Jahre die Inflation deutlich geschlagen. Im Mid-Market gilt das nicht zuverlässig.

Erbschafts- und Substanzkomponente. Eine Sammlung lässt sich in einer Form an die nächste Generation übergeben, die über den reinen Kapitalwert hinausgeht. Identität, Geschichte und Linie wirken weiter. Das ist kein quantifizierbarer Renditefaktor, aber für viele Sammler ein zentraler.

Genusskomponente. Kunst, die an der Wand hängt, liefert ein laufendes Erlebnis, das eine Aktie nicht bietet. Wer das mitrechnet, sieht eine bessere Gesamtrendite.

Diese vier Argumente sind real. Sie reichen aber nicht aus, um Kunst als reine Geldanlage zu empfehlen. Die Gegenargumente verdienen die gleiche Aufmerksamkeit.

Was ehrlich dagegen spricht

Vier Punkte sind ebenso real und werden in Marketingmaterial gerne ausgeklammert:

Hohe Transaktionskosten. Wer ein Werk in einer Auktion einliefert, zahlt typischerweise 10 bis 25 Prozent Provision. Wer das Werk kauft, zahlt zusätzlich 20 bis 30 Prozent Aufgeld. Bei jedem Eigentumswechsel verlieren Sie damit 30 bis 50 Prozent an Transaktionsaufwand. Das müssen Sie über die Haltezeit erst einmal wieder einspielen.

Illiquidität. Kunst lässt sich nicht in zwei Tagen verkaufen. Selbst gute Werke brauchen Wochen bis Monate für eine seriöse Vermarktung. In einer Krisensituation kann sich das auf Jahre dehnen.

Intransparenz. Es gibt keinen Börsenkurs für Kunst. Marktpreise sind häufig nur aus Auktionsergebnissen ableitbar, und die zeigen nur einen Teil des Marktes. Privatverkäufe bleiben undokumentiert. Wer den Markt nicht von innen kennt, hat einen strukturellen Informationsnachteil.

Survivorship-Bias in Indizes. Die häufig zitierten Kunstindizes (Mei Moses World Art Index, Artprice) messen Werke, die erneut im Sekundärmarkt aufgetaucht sind. Die vielen Werke, die ihren Wert verloren haben und deshalb nie wieder verkauft wurden, fallen aus der Statistik. Das verschönt die Durchschnittsrendite systematisch.

Wer diese vier Punkte ernst nimmt, hat schon die halbe Antwort, ob Kunst als Anlage für ihn sinnvoll ist.

Die drei Sammlertypen, und für wen Kunstinvestment funktioniert

In der Praxis treffe ich drei klar unterscheidbare Typen. Die Empfehlung variiert dramatisch zwischen ihnen.

Der reine Anleger. Sucht Rendite, hat keine persönliche Beziehung zu Kunst. Für ihn ist Kunst nur eine Anlageklasse unter vielen. Die Empfehlung ist meist klar: nicht Kunst, sondern klassische Anlagen mit niedrigeren Kosten und höherer Liquidität. Wer Kunst nicht wirklich versteht und nicht selbst sehen will, ob ein Werk passt, hat einen strukturellen Nachteil in einem intransparenten Markt.

Der Sammler-Anleger. Sammelt aus persönlicher Begeisterung, will aber gleichzeitig die Vermögenskomponente nicht aus dem Auge verlieren. Das ist der Typ, für den Kunst als Vermögenskomponente am besten funktioniert. Er trifft Auswahlentscheidungen, die sowohl persönlich stimmig als auch marktgerecht sind. Eine klare Sammlungsstrategie, regelmässige Wertgutachten-Updates und eine Strukturierung in der Vermögensarchitektur sind hier sinnvoll. Mehr dazu auf der Seite Sammlungsstrategien.

Der reine Sammler. Sammelt aus Leidenschaft, der Anlageaspekt ist sekundär. Paradoxerweise erzielt dieser Typ über die Jahre häufig die besten Wertentwicklungen, weil er nur kauft, was ihn überzeugt, und das ist im Top-Segment oft auch das, was an Wert gewinnt. Empfehlung: weitermachen wie bisher. Sich aber bewusst sein, dass das, was Sie aufbauen, einen Vermögenswert darstellt, der Schutz, Struktur und Übergabeplanung verdient.

Wenn Sie nicht sicher sind, zu welchem Typ Sie gehören, ist das selbst eine Antwort. Wer es nicht weiss, hat noch keine bewusste Entscheidung getroffen.

Realistische Renditen, was Studien wirklich zeigen

Die häufig zitierten Sensationsrenditen einzelner Werke sagen wenig über die Anlageklasse als Ganzes aus. Seriöse Studien zeigen ein nüchterneres Bild.

Der Mei Moses World Art Index, einer der ältesten Kunstindizes, weist über die letzten 25 Jahre eine annualisierte Rendite im Bereich von etwa 4 bis 6 Prozent aus, vor Kosten. Das ist deutlich unter dem globalen Aktienmarkt im gleichen Zeitraum.

Der Art Basel und UBS Global Art Market Report zeigt jährliche Marktbewegungen, die sich zwischen plus 10 Prozent und minus 22 Prozent bewegen, je nach Jahr und Segment. Das ist eine Volatilität, die in der Grössenordnung des Aktienmarkts liegt, ohne dessen Liquidität zu bieten.

Wichtiger als die Durchschnittsrenditen ist die Verteilung. Im Top-Segment (Künstler mit klarer Marktposition, Werke aus zentralen Werkphasen) sind Renditen von 6 bis 10 Prozent annualisiert vor Kosten möglich. Im Mid-Market sind 2 bis 4 Prozent realistischer. Im Einsteigersegment (junge Künstler ohne etablierten Markt) verlieren viele Werke über die Zeit ihren Wert.

Nach Berücksichtigung aller Transaktionskosten und Haltekosten landet eine realistisch geführte Sammlung im Top-Segment in einem Korridor von 3 bis 6 Prozent annualisierter Nettorendite. Das ist eine seriöse Zahl, aber sie hebt sich nicht spektakulär vom diversifizierten Aktienportfolio ab. Sie addiert sich vor allem dann zum Gesamtvermögen, wenn die anderen Komponenten der Strategie (Diversifikation, Übergabe, Genuss) mit eingerechnet werden.

Die vergessene Kostenschicht

In vielen Diskussionen wird die Bruttorendite mit der Nettorendite verwechselt. Tatsächlich liegen mehrere Kostenblöcke zwischen Kaufpreis und tatsächlichem Vermögensbeitrag:

  • Transaktionskosten beim Kauf: Aufgeld 20 bis 30 Prozent (Auktion) oder Galeriemarge, oft nicht offen ausgewiesen
  • Versicherung: 0,3 bis 0,8 Prozent des versicherten Werts pro Jahr
  • Lagerung: bei privater Hängung null, im Zollfreilager je nach Volumen mehrere tausend Franken pro Jahr
  • Wertgutachten-Updates: alle 3 bis 5 Jahre, je nach Sammlungsgrösse vier- bis fünfstellig (mehr dazu unter Schätzungen)
  • Verwahrungsstrukturen: falls eine Holding oder Stiftung aufgebaut wird, einmalige Gründungs- und laufende Verwaltungskosten
  • Transaktionskosten beim Verkauf: Provision 10 bis 25 Prozent

Zusammengerechnet erreichen die laufenden Kosten leicht 1 bis 2 Prozent des Sammlungswerts pro Jahr. Das muss die Bruttorendite erst einspielen, bevor von Vermögensbeitrag die Rede sein kann.

Wer diese Zahl in seiner Renditerechnung nicht hat, rechnet falsch. Wer sie hat, kommt zu deutlich nüchterneren Empfehlungen.

Was Kunst in einer UHNW-Portfolio-Allokation leistet

In klassischen Vermögensallokationen für sehr vermögende Privatkunden tauchen Sachwerte typischerweise mit 5 bis 15 Prozent auf. Davon entfallen 1 bis 5 Prozent auf Kunst, der Rest auf andere Sachwertklassen (Immobilien, Edelmetalle, Beteiligungen).

In dieser Grössenordnung ergeben sich drei strategische Vorteile, die unterhalb dieser Schwelle nicht greifen:

Beleihung. Eine substanzielle Sammlung lässt sich bei einer Schweizer Privatbank als Sicherheit für ein Darlehen einbringen. Sie behalten das Werk, bekommen aber Liquidität. Im UHNW-Kontext ist das ein realer Hebel, der bei kleinen Sammlungen schlicht nicht funktioniert. Mehr dazu unter Kunstdarlehen.

Sukzessionsplanung. Eine Sammlung kann mit definierten Übergaberegeln in eine Holding oder Stiftung eingebracht werden. Steuerlich und familienrechtlich strukturiert das die Vermögensübergabe sauber.

Diskreter Verkauf bei Bedarf. Werke aus diesem Segment lassen sich oft im Privatverkauf ausserhalb der öffentlichen Auktion absetzen, mit höheren Nettoerlösen und ohne öffentliche Aufmerksamkeit.

Diese Aspekte sind in der UHNW-Praxis das, was den Unterschied zwischen Kunst als reinem Hobby und Kunst als Vermögenskomponente ausmacht.

Wann Sie nicht in Kunst «investieren» sollten

Ein paar klare Negativmarkierungen:

  • Wenn Sie reine Renditemaximierung suchen. Klassische Anlagen sind dafür besser geeignet.
  • Wenn Ihr Anlagehorizont unter zehn Jahren liegt. Über kürzere Zeiträume amortisieren sich die Transaktionskosten nicht.
  • Wenn Sie keinen Zugang zu Marktinformation haben und nicht bereit sind, sich darauf einzulassen.
  • Wenn Sie gerade in einer Galerie stehen und mitten in einem Verkaufsgespräch sind. Das ist nie der richtige Moment für eine Investitionsentscheidung.
  • Wenn Sie das Werk eigentlich nicht haben wollen, sondern es sich nur «rechnen» muss.

Diese Klarheit ist im marketinggetriebenen Kunstmarkt selten zu hören. Sie ist trotzdem real.

Häufige Fragen

Welche Künstler eignen sich am besten als Investment? Es gibt keine Liste von «sicheren» Künstlern. Was etabliert ist, ist meist schon teuer. Was noch günstig ist, ist meist spekulativ. Die seriöse Antwort: Künstler mit mindestens fünfzehn Jahren konsistenter Marktpräsenz, die in mehreren Sammlungen vertreten sind, deren Werke regelmässig in Auktionen auftauchen und deren Preisniveau über die Jahre stetig (nicht sprunghaft) gewachsen ist. Das sind keine Geheimtipps, aber es sind belastbare Indikatoren.

Wie hoch sollte der Kunstanteil in meinem Portfolio maximal sein? In klassischen Modellen der Vermögensallokation wird die Sachwertquote häufig bei 5 bis 15 Prozent angesetzt, davon entfallen typischerweise 1 bis 5 Prozent auf Kunst. Mehr als 10 Prozent des Gesamtvermögens in einer einzigen, illiquiden Anlageklasse ist eine Konzentration, die strukturell schwer zu rechtfertigen ist.

Wie verkaufe ich eine Sammlung wieder, ohne Wertverlust? Mit Planung. Sammlungsverkäufe brauchen typischerweise zwölf bis vierundzwanzig Monate, wenn sie das volle Marktpotenzial ausschöpfen sollen. Über mehrere Kanäle gestreut (Privatverkauf für Top-Stücke, Auktion für etablierte Marken, Galerievermittlung für spezielle Werke) lassen sich Reibungsverluste minimieren. Ein Notverkauf in drei Wochen kostet typischerweise 20 bis 40 Prozent des Werts.

Sind Art Funds eine Alternative? Theoretisch ja, praktisch fast nie. Art Funds haben hohe Gebührenstrukturen, lange Bindungszeiträume und in der Vergangenheit häufig enttäuschende Wertentwicklungen geliefert. Wer in Kunst investieren will, sollte das direkt tun statt über einen Fonds.

Wie gehe ich mit der steuerlichen Seite in der Schweiz um? Kunst unterliegt in den meisten Schweizer Kantonen der Vermögenssteuer. Die Werte werden über Wertgutachten festgestellt. Bei Holdingstrukturen oder Stiftungen ergeben sich abweichende Regeln. Verkaufserlöse aus privater Sammlung sind in der Regel steuerfrei (keine Kapitalgewinnsteuer), solange kein gewerbsmässiger Handel vorliegt. Die genaue Behandlung hängt von Kanton, Sammlungsgrösse und Aktivität ab. Hier ist eine Abstimmung mit Ihrem Steuerberater nötig.

Wie fange ich an, in Kunst zu investieren? Mit einer Klärung der eigenen Ziele: Geht es um Rendite, um Diversifikation oder um Freude an der Sammlung? Danach mit einem klaren Budget, einem Fokus auf wenige, gut dokumentierte Werke statt vieler kleiner Käufe und mit einer unabhängigen Zweitmeinung vor jedem grösseren Kauf. Wer erst sammelt, was ihn überzeugt, und dann die Vermögenskomponente strukturiert, fährt in der Regel besser als umgekehrt.

Ist Kunst eine Kapitalanlage oder eine Wertanlage? Im Alltag werden beide Begriffe oft gleich verwendet. «Kapitalanlage» betont eher die Rendite, «Wertanlage» den Erhalt von Vermögen in Sachform. Für Kunst trifft der zweite Aspekt meist besser zu: Gute Werke erhalten und steigern ihren Wert über lange Zeit, liefern aber keine laufenden Erträge wie Zinsen oder Dividenden.

Wenn Sie über Kunst als Vermögenskomponente nachdenken

Wenn Sie überlegen, Kunst Teil Ihrer Vermögensarchitektur zu machen, oder eine bestehende Sammlung strategisch positionieren wollen, ist der erste Schritt ein vertrauliches Gespräch. Im Erstgespräch klären wir, welche Rolle Kunst in Ihrer Situation realistisch spielen kann und welcher Weg sinnvoll ist. Das Gespräch ist kostenfrei und unverbindlich.

Mehr zur Investitionsperspektive finden Sie auf der Seite Sammlungsstrategien. Direkter Kontakt hier.

Thomas Reinshagen

Thomas Reinshagen ist unabhängiger Berater für Kunst und Luxusgüter mit Sitz in Zollikon. Über drei Jahrzehnte Markterfahrung im Kunst- und Luxusgüter-Geschäft, davon mehrere Jahre als Senior Director bei Sotheby’s Zürich. Akkreditierter Berater bei diversen renommierten Finanzinstituten und Banken. Wertgutachten werden von Steuerbehörden, Versicherern und Finanzinstituten anerkannt. Eingetragen im Spear’s 500 Index der internationalen Kunst- und Vermögensberater. Eigene Sammler-Praxis in zeitgenössischer Kunst, Photographie und Uhren seit über 30 Jahren. Mehr erfahren

Thomas Reinshagen is an independent adviser for art and luxury assets based in Zollikon, Switzerland. Over three decades of market experience in the art and luxury goods business, several of them as Senior Director at Sotheby’s Zurich. Accredited adviser to several reputable financial institutions and banks. Valuations are recognized by tax authorities, insurers and financial institutions. Listed in the Spear’s 500 index of international art and wealth advisers. Own collector practice in contemporary art, photography and watches for over 30 years. Learn more